Der große Wurf? Nachwuchsjudoka Bertille Murphy über ihre Schritte an die Spitze.

Am vergangenen Wochenende bekam ich die Gelegenheit Bertille Murphy, eine der deutschen Top-Talente im Judo, zu interviewen. Mit erst 17 Jahren schaffte sie es im vergangenen Sommer bei dem European Cup der U21 eine Bronzemedaille zu erkämpfen. Das diese Errungenschaft ihr nicht zugeflogen ist, erzählt sie in diesem Artikel.

 

Ole:Hallo Berti, schön dass es geklappt hat. Gratulation zu deinen starken Leistungen in letzter Zeit. Kannst du mir ein bisschen was über deinen Werdegang im Judo erzählen?

 

Berti:Begonnen hat alles mit meiner Mutter, die wollte, dass meine älteren Geschwister und ich mit einer Kampfsportart beginnen, damit wir uns selbst verteidigen können. Damals noch in Pullach, eigentlich seit ich laufen kann, bin ich in der Judohalle mit rumgeturnt, während meine Geschwister und meine Mutter trainiert haben. Mit fünf Jahren habe ich dann selber wirklich mit Judo angefangen. Ich bin dann in der U11 nach Großhardern gekommen und hatte zweimal die Woche Training. Damals habe ich das Ganze noch eher als Pflichtveranstaltung angesehen. Sehr früh konnte ich dann schon in die U15 wechseln und habe mit den Älteren trainiert. 

Ole: Das scheint sich ja für dich bezahlt gemacht zu haben...

 

Berti: Ja jetzt definitiv. Es gab aber auch eine lange Phase, in der mir die Leidenschaft gefehlt hat. Ich hatte Dienstags und Donnerstags Stützpunkttraining und Freitags im Verein. Das war mir zu dieser Zeit nicht immer recht. Wir wohnten damals noch in Ebersberg, da sind schon mal nur zwei Stunden für die Hin-und Rückfahrt draufgegangen. Mein Vater hat mich jedoch stets unterstützt, nicht sofort das Handtuch zu werfen und mich motiviert.

 

Ole: Doch nun scheinst du dich selbst zu motivieren, wie kam es dazu?

 

Berti: Ja, Gott sei Dank (lacht). Nein eigentlich gab es dafür drei wichtige Faktoren: Der erste war eben mein Vater, der mich immer wieder begeistern konnte und mir auch gezeigt hat, dass er an mich glaubt. Und mein zweiter Faktor ist der Bayernpokal, in dem meine Brüder mitkämpfen durften, ich aber in meinem ersten Jahr dort noch zu jung war. Die Veranstaltung hat einfach einen riesen Spaß gemacht. Die verschiedenen Bezirke kämpfen gegeneinander und die Stimmung war sehr besonders. Dieses Turnier ist etwas ganz Einzigartiges für mich. Immer wenn ich ein Motivationsloch hatte, rückte der Bayernpokal wieder näher und es galt mich vorzubereiten.

Im letzten Jahr der U15 bekamen wir dann unseren neuen Trainer, Milan Dišović aus Serbien, der uns dann auch in der U18 begleitete. Dieser hatte bereits in Serbien ein paar Mädels zu Spitzenjudokas ausgebildet und so gab es natürlich eine gute Portion Vertrauensvorschuss für ihn, das war also mein dritter Faktor. Gleich zu Beginn kam er mit einem Trainingsplan, bei dem uns die Augen ausfielen, auf einmal wurde alles viel intensiver. Ohne ihn und Claudia Straub (Bertilles Landestrainerin Anm. d. Red.) wäre ich heute nicht die Kämpferin, die ich jetzt bin.

Die beiden haben mir die Leidenschaft und die Liebe für den Sport nahegebracht. Gerade Milan hat auch viel Persönlichkeitsentwicklung mit uns betrieben, dafür habe ich ihn immer respektiert und bin ihm sehr dankbar. Er hat sich um uns bemüht und wir für ihn.

Ole: Kommen wir zum Turnier in Paks, Ungarn. Wie hast du diesen Erfolg erlebt?

 

Berti: Es war bisher mein größtes Turnier, ich war zwar bei einigen European Cups schon dabei. Diesmal aber eben zum ersten Mal als Kämpferin. Trotzdem bin ich nicht komplett ins kalte Wasser gefallen. Am Turniertag war ich natürlich etwas nervös. Claudia (Straub) hat sich Gott sei Dank um alles gekümmert und ich konnte mich mit mir beschäftigen. Ich habe dann etwas Musik gehört und irgendwann kam sie dann auf mich zu und meinte: „Auf geht’s zur Kontrolle.“ Und dann wird dir bewusst: Jetzt geht’s los. Da war ich dann schon ein reines Nervenbündel. Die Startnummer und der Kampfanzug werden überprüft. Man geht auf eine Vor-vorbereitungsmatte. Die nächste Kampfrunde geht vorbei und ich rücke auf die nächste Matte und der Druck steigt. Dann klatsche ich mit Claudia ab und es heißt: „Hajime“ und los geht’s. Ab dem Moment war alles recht „einfach“: Ich habe sie Waza-ari geschmissen und dann festgehalten. Dann hatte ich gewonnen. 

 

Ole: Kanntest du deine Gegnerin zuvor?

 

Berti:Ich habe gesehen, dass sie im Vorjahr zweite geworden ist, und damit auch älter war als ich. Somit ist die Anspannung bei mir natürlich gestiegen. Als ich sie dann besiegt hatte, dachte ich mir: „Ok cool, du kannst hier oben mitkämpfen.“ Dementsprechend verlief auch der nächste Kampf, bei dem ich eigentlich nur minimal mehr Druck hatte. Aber ich kam mit viel Selbstvertrauen und hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich diesen Kampf verlieren könnte. So kam es dann auch und so stand ich dann plötzlich schon im Halbfinale.

Ole: Und der Kampf lief dann nicht so gut? 

 

Berti: Ich konnte meinen Wettkampfplan einfach nicht gut umsetzen, der Kampf an sich war nicht so schlecht, aber durch meine drei Shidos (Strafpunkte) habe ich dann letztlich doch verloren. Das konnte ich zwar recht schnell abhaken, doch dann musste ich ewig auf den Kampf um den dritten Platz warten. Zudem hat meine Gegnerin im anderen Halbfinale eine meiner Teamkolleginnen geschlagen von der ich denke, dass sie momentan die bessere Kämpferin ist. 

 

Ole: Wie bist du mit diesem Druck dann umgegangen?

 

Berti: Ich habe mich ganz bewusst weniger mit meinem Kampf beschäftigt und bei den anderen aus dem Team angefeuert. Diese Art von Ablenkung brauche ich dann zwischen den Wettkampfphasen. Trotzdem habe ich das Warten als schlimm empfunden und meine Gedanken waren doch des Öfteren bei der Gegnerin. Kurz bevor der Kampf begann habe ich zu meiner Trainerin beim abklatschen gesagt: „Ich gewinn das jetzt!“ 

 

Ole: Das hast du dann ja auch geschafft.

 

Berti:Ja, obwohl es zunächst nicht danach aussah. Sie hat mich einen Großteil des Kampfes dominiert, doch ich konnte mich immer wieder rauswinden. Ich habe auch Shidos bekommen und wenn die Zeit abgelaufen wäre, hätte ich wohl verloren. Doch dann meine Gegnerin einen Fehler begangen und ich habe sie in die Armfessel bekommen und dann gehalten. Die Uhr lief weiter runter und dann gab es Ippon (die höchste Wertung) und ich habe gewonnen. Meine Trainerin klatschte vor Freude auf den Tisch, ich war nicht mehr zu bremsen und habe geheult. Ich wusste in diesem Moment sofort, dass ich dieses Gefühl immer wieder haben möchte. Abends in der Halle habe ich dann meinen Heimtrainer noch gesehen und mich bei ihm bedankt.

Ole: Ein großartiger Moment, der sicherlich viel Energie für die nächsten Trainings und Wettkämpfe gibt. Ich möchte nochmal ein paar Schritte zurück gehen: Du hast eben deine Wettkampfvorbereitung beschrieben. Zunächst versuchst du dich ein bisschen abzulenken um gedanklich kurz mal weg zu kommen und dann kommt die unmittelbare Startphase, bei der du deine Trainerin kurz abklatscht. Ein Satz hat sich bei mir besonders eingeprägt, da du ihn schon des Öfteren exakt wiederholt hast: „Hajime – und dann geht’s los.“ Hast du dieses Startsignal trainiert und ist wie kam es zu der Routine mit dem Trainer?

 

Berti: Das mit dem abklatschen habe ich mir früher bei den Profis abgeschaut. Da spiegelt sich bei mir auch die Beziehung zum Trainer wieder. Ein Trainer, der mich gut kennt, kommt immer zu dieser Routine zu mir und versucht mich nicht direkt vor dem Kampf im Rücken abzuklatschen. Beim „Hajime“ habe ich das Gefühl, dass bei mir der Schalter ganz umgelegt wird, dann bin ich im Wettkampfmodus.

 

Ole: Klingt als wärst du damit immer gut vorbereitet. Apropos Vorbereitung, wie sehen eigentlich deine letzten Wochen und Tage vor dem Wettkampf aus? 

 

Berti:Wenn es wirklich nur ein Turnier ist und keine ganze Turnierphase, dann beginnt vier Wochen vorher die normale Vorbereitung. Zwei Wochen lang ganz normales Training mit dem Fokus auf Kleinigkeiten. Dann in der dritten Woche muss der Puls richtig hochkommen, da wird es sehr intensiv und strikt. Die letzten Tage vor dem Wettkampf verlaufen dann parabelförmig: Montag normal, Dienstag und Mittwoch intensiv und dann ist Donnerstag noch gescheites Aufwärmen angesagt und vielleicht vier Randoris (Übungskämpfe), wenn man Samstag kämpft und sechs, wenn man am Sonntag dran ist. 

Ähnlich verläuft im Übrigen auch meine mentale Vorbereitung, je mehr es Richtung Wettkampf geht desto intensiver konzentriere ich mich auch darauf und so anstrengender wird die Schule (lacht). Allerdings kenne ich Leute, die mehr und mehr in Sich gekehrt sind vor den Wettkämpfen, dazu gehöre ich nicht. Wenn ein anderes Thema ansteht bin ich voll da und kann meinen Fokus gut steuern. Bei meinen Freunden kann ich dann gut meine Anspannung loswerden, daheim bin ich dann doch eher etwas stiller und konzentriert.

Ole: Was passiert, wenn die mentale Vorbereitung nicht wie gewohnt abläuft?

 

Berti: Das ist mir tatsächlich auch schon passiert, ich bin in den Kampf rein und war komplett unsortiert. Ich habe fast eine Minute gebraucht um in mein gewohntes Muster zu kommen und dann glücklicherweise knapp gewonnen.

 

Ole: Hast du neben deinen Wettkampfroutinen auch manchmal ein Ritual entdeckt? 

 

Berti: Es gab eine Saison in der war ich sicher, dass mein blauer Anzug mich unbesiegbar macht (lacht). Wenn ich verloren habe, dann nur im weißen. Da habe ich sogar Kämpfe gewonnen, bei denen niemand dachte, dass ich das schaffe.  Natürlich habe ich dann irgendwann auch wieder in Blau verloren und der Bann war gebrochen, worüber ich heute ganz glücklich bin, denn ich weiß der Ausgang des Kampfes hängt von mir ab und nicht vom Anzug. Trotzdem fühle ich mich im blauen ein Tick wohler ;-).

Ole: Wenn du innerhalb eines Kampfes eine Wertung hinten liegst oder einen Strafpunkt bekommst, wie geht es dann weiter?

 

Berti: Da bleib ich eher ruhig und konzentriert, es gehört dazu. Ich überdenke schnell was passiert ist und versuche denselben Fehler zu vermeiden. Es ist ja noch nicht vorbei.

 

Ole: Welche Rolle spielt für dich die Sportpsychologie im Judo?

 

Berti: Das Selbstvertrauen zu haben ist immens wichtig. Es kam einmal ein anderes Mädchen zu mir und hat gesagt: „Ich weiß gar nicht warum unsere Trainerin dich mitnimmt, ich finde dich nicht so gut.“ Damals habe ich angefangen das zu überdenken, mir gedacht vielleicht hat sie ja recht, so viele Erfolge hatte ich bis dahin auch noch nicht. Kurz darauf habe ich gegen die Deutsche Meisterin gewonnen und mir damit bewiesen, dass ich nicht ganz falsch liege. Den Respekt auf Bundesebene muss ich mir trotzdem weiter erarbeiten, das will ich spätestens nächste Saison schaffen. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer geduldig zu sein. 

Ole: Das klingt schon mal nach starken Zielen, wie sieht dein Plan dafür aus?

 

Berti: In Mannheim ist ein Sichtungsturnier der U21, dort würde ich gerne eine Medaille holen. Dies ist auch eine Vorrausetzung um in den Bundeskader zu kommen. Und eine Woche später ist noch der Deutsche Jugendpokal, bei dem ich unserer Mannschaft gute Chancen ausrechne. Dann ist im nächsten Jahr die Deutsche U21 Meisterschaft noch auf der Liste, dort möchte ich eine Medaille gewinnen.

 

Ole: Und wenn wir zwei perfekte Welt spielen, was kommt dann?

 

Berti: Ein großer Wunschtraum wäre Olympia. Als Laura Vargas-Koch 2016 ihre Bronzemedaille holte hat sich dieses Bild stark in mir festgesetzt. Eine beeindruckende Kulisse. Bisher wäre aber eine Nominierung für die EM oder WM der U21 ein realistischerer Traum.

 

Ole: Laura Vargas-Koch hat nebenbei noch ihre Doktorarbeit in Mathematik angefertigt. Wie sehen deine Pläne für das Berufsleben aus? Du machst ja gerade Abitur...

 

Berti: So ganz sicher bin ich mir noch nicht, ich denke aber über das Spitzensportlerprogramm der Polizei nach. Das wäre eine gute Basis um den Beruf mit meinem Sport zu vereinen. Nebenbei würde ich gerne auch selbst als Trainerin tätig werden, da ich dem Sport auch gerne etwas zurückgeben möchte.

Ole: Das klingt doch schon nach guten Ideen. Jetzt habe ich doch nochmal eine andere Frage: Du hast ja nun auch schon Sportpsychologen/Sportpsychologinnen kennengelernt.  Was benötigt ein guter Sportpsychologe für dich?

 

Berti: Ich glaube es ist extrem wichtig, dass die Sportpsychologen immer wieder nachfragen. Ich bin niemand der von selbst kommt, aber trotzdem manchmal gerne über Dinge sprechen würde. Da darf man mir auch ruhig mal sagen: „Also Berti ich werde dich eventuell damit nerven, aber es ist wichtig das wir uns gut austauschen.“ Das funktioniert natürlich nicht mit jedem. Das Klima muss einfach stimmen, man kann nicht mit jemanden Dinge teilen, wenn man nicht auf derselben Wellenlänge ist. Dann traue ich mich auch mehr über mein Privatleben zu erzählen. Das passiert momentan eher beim Physio, da ist die Verbindung da.

Gut fände ich, wenn es häufiger Infoveranstaltungen für alle gibt, bei denen man kleine Tipps und Kniffe beigebracht bekäme um sich psychologisch besser vorzubereiten. Die Psychologie ist meiner Meinung nach ein unterschätzter Trainingsaspekt.

 

Ole:Danke für diese ehrliche Analyse. Der letzte Satz gehört wie immer dir: Was möchtest du Jugendnachwuchsjudokas und Leistungssportler mit auf den Weg geben? 

 

Berti: Wenn ihr etwas macht, dann tut es mit Leidenschaft. Der Spaß am Sport spielt eine unglaublich große Rolle. 

 

Vielen Dank Berti für das tolle Interview und viel Erfolg in der Zukunft!

 

 

Bildquellen:

www.judoinside.com

www.krzbb.de

www.judo-grosshadern.de

Kommentar schreiben

Kommentare: 0