Weltmeisterin Sophie Wachter über Sportpsychologie im Karate TEIL II

 

Sophie Wachter ist 2014 mit ihrem Team Weltmeisterin im Karate geworden. Doch damit nicht genug, in ihrer Karriere hat sie schon einige EM und WM Medaillen einsammeln können, aber auch mit einigen Rückschlägen umgehen müssen. Im ersten Teil unseres Zweiteilers erzählt sie uns von der eisernen Disziplin, die die Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft mit sich bringt. Außerdem spricht sie über Zielsetzung und das Problem der Bewertungskriterien im Karate. Im zweiten Teil unseres Interviews erzählt sie von ihrem ersten Kontakt mit Sportpsychologie und ihren Zukunftsplänen. Außerdem gibt sie jungen Karatekas Tipps, wie auch sie sie ganz groß werden können.

"Wenn ich etwas angehe, dann immer mit 100 Prozent!" -Sophie Wachter
"Wenn ich etwas angehe, dann immer mit 100 Prozent!" -Sophie Wachter

 

 

Ole: Wann bist du das erste Mal mit Sportpsychologie in Kontakt gekommen?

 

Sophie: Das war 2012. Andreas Ginger ist auch ein Karateka und hat damals als Mental Trainer gearbeitet und uns die Arbeit mit ihm angeboten. Am Anfang war ich tatsächlich gar nicht davon überzeugt. Solchen Themen gegenüber habe ich mich eher verschlossen. Ich gehe auch nicht mit meinen Problemen hausieren und einfach auf fremde Menschen zu. Meine Teamkollegen haben relativ schnell einen Draht zu ihm gefunden, bei mir hat das aber gute zwei Jahre gedauert bis wir eine gute Vertrauensbasis hatten. Da habe ich mich sehr schwergetan. Vor allem die Umfeldanalyse in der du ja von Problemen außerhalb des Sports berichtetes, war ein Thema dem ich mich voll und ganz verschlossen hab. Wer will schon jemand fremden gegenüber seine Beziehungsprobleme mitteilen? Aber das Verhältnis wuchs und das Vertrauen wurde größer, bis wir dann darüber sprechen konnten. 

 

Ole: Was denkst du war der wichtigste Faktor um dieses Verhältnis aufzubauen?

 

Sophie: Zum einen die Zeit, sowie dass ich mitbekommen habe, dass die Arbeit mit meinem Mental Trainer mir weiterhilft. Ich habe dann auch erkannt, dass sich bei mir charakterlich etwas tun muss. Zu der Zeit wurde dem Sport einfach alles untergeordnet und es entstand ein unheimlich großer Druck, den ich damals nicht so verarbeiten konnte. Ab dem Zeitpunkt tat es mir tatsächlich gut mit ihm zu arbeiten.

"Ich stelle mir Momente vor in denen ich gut gewesen bin, dass pushed mich!" -Sophie Wachter
"Ich stelle mir Momente vor in denen ich gut gewesen bin, dass pushed mich!" -Sophie Wachter

Ole: Wurde das direkt gefördert von den Verbänden?

 

Sophie: Ja! Bei unserer ersten EM Teilnahme kamen wir direkt ins Finale und haben somit die „Bescheinigung“ bekommen, dass wir es wert sind, dass man uns jegliche Ressourcen zur Verfügung stellt. Da hat der DKV sich schon großzügig gezeigt.

 

Ole: Welche mentalen Techniken nutzt du am liebsten?

 

Sophie: Wirklich gerne arbeite ich mit Visualisierungen von Momenten in denen ich gute Leistungen abgeliefert habe, das pushed mich ins Unermessliche. Sportler leben ja auch für diese Momente.

 

Ole: In einem Interview hast du gesagt, dass du deinen Kopf genauso stark machen möchtest, wie deinen Körper. Wie nahe bist du dem Ziel gekommen?

 

Sophie: Ich war schon immer sehr selbstbewusst. Durch meine Erfahrungen und Erfolge ist mein Kopf schon sehr stark geworden, in Momenten in denen der Druck am höchsten ist, blühe ich wie gesagt, am meisten auf. Ich habe verstanden, dass es okay ist, sich selbstbewusst und selbstsicher zu zeigen und den Druck nehme ich nicht mehr negativ wahr. Das macht es im Sport einfacher, im sozialen Umfeld stößt man damit öfter mal an. Es ist gesellschaftlich schon eher schwierig, wenn man sich selbstbewusst gibt und offen preisgibt, welche Meinung man von sich hat. In meinem Fall: Ich bin Weltmeisterin im Karate, ich muss also wohl damals die beste der Welt gewesen sein. Eigentlich bloß eine Tatsache, aber den Blickwinkel verstehen Menschen die nicht an Wettkämpfen in irgendeiner Art teilnehmen meistens nicht. Um auf deine Frage zurückzukommen, ich denke ich bin dem Ziel sehr nahegekommen.

Ole: Wie sehen deine Ziele für die Zukunft aus?

 

Sophie: Da möchte ich von einer Situation erzählen, die mir vor kurzem wiederfahren ist. Ich trainiere mittlerweile auch Minis im Karate im Alter zwischen vier und sechs Jahren. Da kam eine Mutter zu mir, die mir erzählt hat, dass in Frankfurt jemand unterwegs ist der vor den Kindergärten hält und die Kinder versucht ins Auto zu ziehen und dabei wohl auch schon Erfolg hatte. Unfassbar, aber das passiert in Frankfurt hin und wieder. Und mit meinen Kids mache ich weniger Karatetraining, eher Selbstbehauptungstraining und wir sprechen viel darüber was dürfen andere Menschen machen und was nicht, wann muss man laut werden und so weiter. Jedenfalls hat mir diese Mutter dann erzählt, dass dieser Mensch es auch bei ihrem Sohn probiert hat und der so laut wurde und so laut Stopp geschrien hat, die Sachen umgesetzt hat die wir geübt haben. Dass Leute wirklich darauf aufmerksam wurden und er einer wahrscheinlichen Misshandlung entgangen ist, weil wir zusammen trainiert haben. Ich glaube das war mit das beste Gefühl, das ich je hatte. Ich fange an zu begreifen, dass es eine Welt neben dem Leistungssport gibt, der mich trotzdem dem Karate treu bleiben lässt. Das gibt mir viel Sicherheit für die Zukunft. 

 

Ole: Denkst du schon über ein Ende deiner Karriere nach?

 

Sophie: Nein, das war nur ein Ausblick in die fernere Zukunft. Ich werde immer noch besser, jeden Tag. Ich bin athletisch wie nie zuvor, super fit. Meine Gedanken laufen gerade etwas in Richtung Kumite, also dem richtigen Kampf im Karate. Es kann also al meine „geheime“ Passion beschrieben werden in der ich schon Lust hätte vielleicht mal irgendwann einen Wettkampf zu machen. Allerdings nur mit einem großem Fragezeichen.

Das Training mit Kindern und Jugendlichen macht Sophie viel Spass und ist etwas, das sie sich auch für die Zukunft gut vorstellen kann.
Das Training mit Kindern und Jugendlichen macht Sophie viel Spass und ist etwas, das sie sich auch für die Zukunft gut vorstellen kann.

Ole: Du hast auf dem Weg deiner Karriere sicher auch auf einiges verzichten müssen. Wie hast du diesen Verzicht wahrgenommen? Wie schwer war das für dich?

 

Sophie: Es gab da für mich nie eine Diskussion. Wenn meine Freunde gesagt haben: „Kannste‘ nicht mal kommen?“, wenn ich einen Wettkampf hatte konnte ich einfach nicht, PUNKT. Die härteste Zeit war aber schon in der Jugend mit 13-16 Jahren. Mein damaliger Freundeskreis hat sich gefühlt ein wenig von mir abgewandt, weil es hieß: „Du kannst ja eh nicht kommen, warum sollten wir dich einladen?“ Das hat mich emotional schon sehr getroffen. Mittlerweile sind das auch genau die Leute, die sagen: Sophie Wachter, die kenn ich!

Ich würde es rückblickend aber nicht anders machen. Ich habe dadurch so viele Erfahrungen gemacht, die kaum ein „normaler“ Mensch machen wird in seinem Leben. Ich könnte mir ein einfaches Leben auf dem Dorf auch nicht vorstellen. 

Das Einzige was ich etwas bereue ist, dass ich nie die Möglichkeit hatte länger im Ausland zu leben, der Drang nach neuen Erfahrungen und dem Entdecken von anderen Kulturen ist schon stark in mir. Aber vielleicht kommt diese Möglichkeit noch irgendwann.

 

Ole: Als letztes frage ich meine Interviewpartner immer: Was würdest du jungen Karatekas auf ihrem Weg mitgeben wollen?

 

Sophie: Macht Karate nicht nur des Wettkampfs wegen. Karate formt euch, euren Körper und euren Charakter. Ihr werdet vielen anderen in eurem Alter voraus sein und findet in der Sportwelt eine zweite Familie. Lasst euch von Rückschlägen nicht unterkriegen, die gehören dazu und zeigen euch mit schwierigen Situationen umzugehen. Das Wichtigste aber ist: habt Spaß! Der gehört dazu! 

Und Karate ist mittlerweile kein Sport mehr den man nur wettkampfmäßig in seiner Jugend machen kann oder während des Studiums. 

Ihr habt also Zeit zu wachsen und euch an die Spitze zu arbeiten, wenn ihr mit dem richtigen Ehrgeiz und Zielen an die Sache geht! 

Viel Erfolg dabei!

 

Ole: Vielen Dank liebe Sophie, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wünsche dir auf deinem Lebensweg weiterhin viel Erfolg und noch viel tolle Erlebnisse.

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