Weltmeister Kian Golpira im Interview


Mit Freund und Vorbild Johannes Wolf 2015 zusammen auf der WM abgeräumt
Mit Freund und Vorbild Johannes Wolf 2015 zusammen auf der WM abgeräumt

Ich habe Kickbox-Weltmeister Kian Golpira getroffen um mich mit ihm über seinen Werdegang, seine Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Slowenien und seine Einstellung zur Sportpsychologie zu unterhalten. Welche mentalen Strategien er verfolgt um in seinen Leistungen konstant zu bleiben, davon berichtet er in diesem Interview.

 

Ole: Hi Kian, schön dass du da bist. Einige von den Bloglesern kennen dich vielleicht schon, andere noch nicht. Du hast 2015 den Weltmeistertitel im Kickboxen im Halbweltergewicht gewonnen. Wie hat denn deine Story eigentlich begonnen?

 

Kian: Mit 9 Jahren habe ich mit Karate angefangen, ich weiß gar nicht so genau warum aber Karate war mein erster Sport. Dann wollte ich zum Fußball wechseln, die haben mir aber gesagt, dass sie schon zu viele Spieler hätten. Sprich: Ich war zu schlecht. Daraufhin habe ich zusätzlich in meinem Verein mit Kickboxen angefangen. Hieraus hat sich sehr schnell meine Leidenschaft entwickelt. Im Jahr 2009 begann ich dann zusätzlich noch mit Boxen, das habe ich aber eigentlich eher nebenbei verfolgt. Die ersten Wettkämpfe im Kickboxen hatte ich beinahe unmittelbar nach dem Beginn mit dem Sport. 2013 habe ich dann zum KBV Erding gewechselt, bei dem ich heute noch trainiere. Während ich gleichzeitig beim TSV 1860 Mitglied war.

Beim World Cup in Rimini mit Heim und Bundestrainer Peter Lutzny vom KBV Erding
Beim World Cup in Rimini mit Heim und Bundestrainer Peter Lutzny vom KBV Erding

Ole: Und du hast frühzeitig mit dem Sammeln von Titeln gestartet:

 

·      Irish Open 2016

·      Austrian Classics 2011, 2012, 2015, 2016, 2018

·      Hungarian World Cup 2016, 2017

·      Bestfighter World Cup 2015, 2016

·      8-Star Tournament 2015

·      10 x Deutscher Meister WAKO 

·      Bronze WM 2011 Leichtkontakt -63 kg

·      Gold WM 2015 Vollkontakt -63,5

 

Welches war der bedeutendste?

 

Kian: *lacht* Also der bedeutendste war schon die Weltmeisterschaft 2015!

 

Ole: Dazu habe ich einen kleinen Artikel von deinem Trainer gelesen, indem er erzählte, dass ihr euch als Ziel gesetzt habt diesen Titel zu gewinnen.

 

 

Kian: Genau! Ende 2013, zur Vorbereitung auf die WM, bin ich zu meinem neuen Trainer gewechselt, da waren wir aber leider zu spät dran. Nach der WM kam ich dann im Januar ins Training und mein Trainer meinte: „Kian, zwei Jahre!“. Und ich fragte was er damit meinen würde. „In zwei Jahren werden wir Weltmeister!“ Ab dem Zeitpunkt haben wir alles dafür getan, dass dieses Ziel wahr wird. Ich habe mir zwei Urlaubssemester genommen und habe zweimal am Tag trainiert. Mittags haben wir oft bei meinem Trainer gekocht. Das war zwar viel Zeit, die dabei draufgegangen ist, aber es hat sich bezahlt gemacht.

Niederlage im Profikampf 2014 gegen Rivalen Gabor Görbics
Niederlage im Profikampf 2014 gegen Rivalen Gabor Görbics

Ole: Und war der letzte Kampf bei der WM auch der schönste Sieg?

 

Kian: Es gab einen Kampf, der mir mehr bedeutet hat. In derselben Saison habe ich gegen den Ungarn Gabor Görbics gekämpft. Diesen hatte ich in unserem ersten Aufeinandertreffen besiegt, er mich darauf hin in den nächsten drei Kämpfen. Mit ihm ist eine freundschaftliche Rivalität entstanden, wir mögen uns sehr gerne. Dann trafen wir bei einem großen Turnier erneut aufeinander und im Kampf zuvor wurde ich von meinem Gegner am Oberschenkel verletzt. Bei der Taktikbesprechung vor dem Kampf habe ich zu meinem Trainer gesagt, dass ich meine obligatorischen sechs Kicks am Anfang bringe und dann versuchen werde nur durch boxen zu gewinnen. „Du kickst heute mehr, als je zuvor!“, lautete seine Antwort. Ich war mental ja etwas vorbelastet, da ich schon dreimal gegen meinen Gegner verloren hatte. Diesen Kampf konnte ich dennoch für mich entscheiden. Gefühlt ist da ein riesiger Knoten geplatzt. Gabor meinte zu mir: „Du wirst dieses Jahr Weltmeister!“ Das hat mir das Selbstvertrauen gegeben mein Ziel umzusetzen.

 

Ole: Jetzt interessiert mich natürlich: Wie sah die Feier aus?

 

Kian: Wir haben bei der „Abschiedsparty“ gut gefeiert und auf dieser Party habe ich dann meine jetzige Freundin kennen gelernt. Und so bin ich nach München geflogen mit gleich zwei Gründen sehr glücklich zu sein. *zwinkert*

Natürlich gab es in Erding dann noch eine große Party mit Autogrammstunde und allem Drum und Dran. Es wurde ausreichend zelebriert.

 

Ole: Jetzt stehst du kurz vor der Europameisterschaft in Slowenien/ Maribor. Mit welcher Vorbereitung und welcher mentalen Einstellung gehst du in das Turnier? 

 

Kian: Meine Vorbereitung lief gut, allerdings bin ich eine Gewichtsklasse höher gewechselt. Durch das zusätzliche Gewicht habe ich etwas an der „Bewegungslust“ verloren. Daran habe ich intensiv gearbeitet. Vom Verlauf der Saison her, kann man jetzt nicht davon ausgehen, dass ich ein Favorit bin. Ich fühle mich aber als Favorit, denn jeden Gegner, der mich in der Saison geschlagen hat, kann ich jetzt schlagen. Da bin ich mir sicher und gehe mit einem guten Gefühl rein. Gegen den amtierenden Europameister aus Russland habe ich noch nicht gekämpft. Der ist groß, bestimmt 1,85m. Seit dem Titel weiß ich allerdings, ich kann gegen jeden Gewinnen. Dieses Selbstbewusstsein nehme ich mit ins Turnier.

Auch im Kopf ist Kian stets agil
Auch im Kopf ist Kian stets agil

Ole: Wie sieht deine mentale Vorbereitung dafür aus?

 

Kian: Ich schaue mir oft auf den Reisen gute Kämpfe von mir an um mich einzustimmen. Meine Erfolgserlebnisse rufe ich so wieder in mein Bewusstsein, es muss gar kein Sieg gewesen sein, sondern es kann auch ein Kampf sein, bei dem ich finde, dass ich gut performed habe. 

 

Ole: Gibt es Routinen? 

 

Kian: Durch einen Zufall habe ich Oliver Schmidtlein kennengelernt, der ehemalige Physiotherapeut des FC Bayern. In dieser Zeit hatte ich Schulterprobleme und er und sein Team haben mir dann Trainingspläne aufgestellt. Und diese sind dann zu meiner Aufwärmroutine geworden, mit der ich jedes Training und jeden Wettkampf beginne.

 

 

Ole: Was mir im Hinblick auf deine Sportart besonders aufgefallen ist, dass dein Alltag fast aus Routinen besteht. Kickboxer sind unheimlich diszipliniert, sie trainieren hart, müssen sich an ihr Gewicht halten, die Pausen nutzen. Wie schaffst du es diesen harten Fahrplan jeden Tag abzurufen? 

 

Kian: Einerseits ist es gut für mich, dass ich eh lieber zu Hause bleibe und mit meiner Freundin einen Film schaue, als feiern zu gehen. Da fehlt mir also nicht viel. Die Diät ist wirklich anstrengend. Je näher mein Gewichtsziel rückt, desto disziplinierter werde ich.

Im Sommer hatte ich teilweise 75 Kilogramm und bin jetzt wieder bei 68 Kilogramm angekommen. Abends esse ich dann natürlich kaum Kohlenhydrate, dann habe ich mein Gewicht auch unter Kontrolle.

 

Ole: Fühlst du dann auch die Erschöpfung stärker, du nimmst ja weniger Energie zu dir und wirst aber körperlich und geistig mehr gefordert? 

 

Kian: Ich mache das inzwischen so lange, dass ich meinen Körper da sehr gut kenne. Ich trainiere nicht ohne Kohlenhydrate und weiß wann ich die Energie brauche. Nichtsdestotrotz musste ich nun die Gewichtsklasse wechseln, da das Jo-Jo immer größer wird. Man sollte also meinen, dass ich die Situation nun noch besser kontrollieren kann. Jetzt habe ich aber natürlich auch wieder eine neue Obergrenze, es wurde also nicht leichter. Ich esse aber alles in allem sehr ausgewogen.

 

Ole: Das nächste Thema was ich gerne behandeln würde sind Niederlagen: Wie gehst du mit Niederlagen um? Wie schnell verarbeitest du Niederlagen?

 

Kian: Auch hier habe ich über die Jahre hinweg eine Entwicklung durchgemacht. Nachdem ich vor, während und nach der WM 2015 eine Siegesserie von 29 Kämpfen hatte, bin ich in die EM 2016 mit der falschen Einstellung rangegangen. Das habe ich natürlich erst begriffen als es vorbei war. Im Prinzip wollte ich gar nicht kämpfen. Alles um mich herum war schuld daran, die Halle war schlecht, das Aufwärmen hat zu spät stattgefunden, die Schutzausrüstung hat nicht gepasst, ich habe keine Hilfe von außen bekommen. Außerdem bin ich mit der gewohnten Einstellung rein, wenn nichts Außerordentliches passiert, dann gewinne ich sowieso. Da habe ich mich aber geirrt mein Gegner war äußerst motiviert und sehr stark. So habe ich verloren. Darüber habe ich intensiv nachgedacht.

Ich habe zunächst einmal die Gewichtsklasse gewechselt. Ich musste immer noch drei Kilogramm vor der Waage verlieren und der Fokus hat sich in diese Richtung verschoben. Nach dem die Waage geschafft war, gab es da schon ein Gefühl der Erleichterung. So wurde wohl auf eine falsche Art und Weise schon Druck abgelassen. So konnte ich mich wieder mehr auf mich konzentrieren. 

Seit dieser Niederlage bei der EM habe ich dann Niederlagen immer mehr konstruktiv bearbeitet, als mich über sie zu ärgern. Natürlich war ich bei einigen verlorenen Kämpfen immer noch wütend, aber nicht mehr so oft wie früher. Grundsätzlich habe ich für mich gemerkt, sobald ich aufhöre Entschuldigungen zu finden und beginne bei mir selbst die Fehler zu sehen, werde ich auch durch Niederlagen besser. Im Grunde genommen ist es wichtig bei mir zu bleiben, was kann ich verändern, auf die anderen Sachen habe ich eh keinen oder kaum Einfluss. 

Weltmeister 2015 Fullcontact -63,5 kg
Weltmeister 2015 Fullcontact -63,5 kg

Die letzte bittere Niederlage war jetzt bei der WM 2017 bei der mein Gegner einfach der bessere Kämpfer war. Ich war dran, aber es hat an diesem Tag nicht gereicht. Taktisch konnte ich aus diesem Kampf auch wieder einiges mitnehmen, was jetzt in meinen Trainingsalltag einfließt. Niederlagen können mich besser machen!

 

Ole: Hast du für dieses analytische Verhalten Vorbilder bzw. Personen die dir etwas vorgelebt haben?

 

Kian: Schon früh in meiner Karriere habe ich Johannes Wolf kennengelernt, der mit mir zusammen 2015 Weltmeister wurde. Zu ihm habe ich immer etwas aufgeschaut und von ihm habe ich gelernt klug zu kämpfen und beispielsweise seine Treffer so zu setzen, dass die Kampfrichter sie auch sehen. Dann würde ich den Ungarn, mit dem ich diese schöne Rivalität pflege noch in diesen „Kreis“ meiner Vorbilder zählen. Er ist ein großer Sportsmann und hat mir auch für diese Europameisterschaft viel Glück gewünscht. Immer wenn ich das Gefühl habe ich muss mich konzentrieren und stark sein, dann denk ich an ihn als Sportler. Teilweise auch beim Krafttraining dient er als Motivation. Ein bisschen wie: „er trainiert auch gerade fleißig und hart, also mach ich jetzt hier auch mein Ding!“ 

 

Ole: Klingt nach einem wirklich motivierenden Faktor für dich. Wie du schon erlebt hast, können auch Ziele stark motivierend wirken. Was sind deine Ziele für die Zukunft?

 

Kian: Ich möchte in der kommenden Woche Europameister werden. Zudem will ich auch bester Kickboxer des Turniers sein. Und nächstes Jahr Weltmeister werden und in den folgenden Jahren diese Titel bestätigen. Alles in allem ist es mein Ziel beständiger zu werden. Ich habe 2015 meinen Titel erkämpft und konnte ihn 2017 nicht verteidigen. Das soll sich in Zukunft ändern.

Dauerabo: 10. Deutscher Meistertitel für Kian
Dauerabo: 10. Deutscher Meistertitel für Kian

Ole: Starke Ziele, ich wünsche dir dabei viel Erfolg! Ich weiß, dass du in Oslo zusammen mit deiner Freundin jetzt ein Kickboxstudio eröffnet hast, in welchem du auch Nachwuchsathleten ausbildest. Was gibst du jungen Sportlern mit auf den Weg, die sagen: „Hey Kian, wie kann ich da hinkommen wo du bist?“

 

Kian: Als aller erstes musst du lernen Spaß dabei zu haben. Wenn du keinen Spaß hast, verlierst du die Motivation und kannst auch bei den Kämpfen nicht deine Bestleistung abrufen. Wir würden sagen: „Man kann einen Löwen nicht zur Jagd tragen“. Das sehen wir im Kampfsport ganz genauso. Wenn du es für jemand anderen machst, oder denkst du machst es, weil du cool bist, dann kannst du nicht dieselbe Leistung abrufen als wenn du es mit Begeisterung verfolgst.

 

Ole: Du hast gesagt man kann Spaß lernen? Kannst du mir das genauer beschreiben?

 

Kian: Also eigentlich wollte ich sagen es ist wichtig den Spaß nicht zuverlernen, meistens beginnt man ja eine Sache mit Spaß. Dabei geht es auch darum zu lernen, hin und wieder von seinen Prinzipien abzuweichen und beispielsweise den Trainingsplan mal abzuändern, weil man lieber mit seiner Freundin einen Kaffee trinken gehen möchte. Diese Pausen geben einem wieder viel Energie und man hat sich für die harte Arbeit auch mal belohnt. 

 

 

Ole: Vielen Dank für das Interview Kian, es war mir eine große Freude. Es ist toll zu sehen wie du deinen Weg machst und was für eine großartige Entwicklung du als Mensch und Sportler nimmst. Für die Zukunft wünsche ich dir viele Erfolge und immer die richtige Einstellung!

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Kommentare: 1
  • #1

    Sonja (Sonntag, 02 Dezember 2018 12:35)

    Super Interview Kian ��